Der Klimawandel finde global statt und sei zum Teil menschengemacht, erklärte Martin Gude zum Einstieg. Wir befinden uns allerdings gegenwärtig in einem Temperaturplateau: Die Durchschnittstemperatur steigt auf der gesamten Erde nicht an. Dieses Plateau wird auch in den nächsten acht bis zehn Jahre bestehen bleiben. Der Gesamttrend weise aber eindeutig auf einen Anstieg hin. Der Blick auf die Durchschnittstemperatur verdeckt zudem auch andere Entwicklungen: Es gibt zwar Regionen, in denen die Temperatur nachweislich sinkt, aber besonders in der Arktis steigt sie beständig. In zwanzig bis dreißig Jahren könnte das gesamte Arktiseis im Sommer schmelzen. Das würde zu einem deutlichen Anstieg des Meeresspiegels führen und für viele Inselstaaten eine existentielle Bedrohung darstellen. Die sogenannten Klimaskeptiker verweisen besonders auf diesen Nichtanstieg der Temperatur. Gude betont jedoch, dass es kaum ein anderes Thema gibt, bei dem eine so große Anzahl an Forschern ihre wissenschaftliche Expertise eingebracht hat, wie für den Bericht des Weltklimarats. Im Gegensatz dazu sind die Skeptiker deutlich in der Minderheit.
Die wichtigste Frage wird, laut Gude, in Kopenhagen leider nicht diskutiert. Es ist die Frage nach der Entwicklungsgerechtigkeit. Der durchschnittliche Europäer verbrauche 10-12 t CO2 im Jahr, ein durchschnittlicher Amerikaner sogar 24 t. Die Erde kann nach den aktuellen wissenschaftlichen Modellen eine maximale Belastung pro Bewohner von 5t CO2 aushalten. Die Europäer müssen dementsprechend erst einmal ihre eigenen Emissionen reduzieren. Es stellt sich auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit: Inwieweit gewähren die Industrieländer den Entwicklungs- und Schwellenländern die gleichen Entwicklungschancen? Erst verschmutzen die Industrieländer auf ihrem Weg in den gegenwärtigen Lebensstandard die Atmosphäre und lösen den Treibhauseffekt aus, dann wollen sie den Entwicklungsländern untersagen, einen ähnlichen Lebensstandard auf einem ähnlichen Weg zu erreichen, weil das die Erde und das Weltklima endgültig zerstören würde. Kann man das als Entwicklungsgerechtigkeit bezeichnen? Daher konzentrierte sich die Diskussion auf die Möglichkeiten, wie in Deutschland und besonders auch in Thüringen auf den Klimawandel reagiert werden kann.
Zwei verschiedene Wege des Klimaschutzes erscheinen in Thüringen möglich:
Zum einen kann man den Anteil der regenerativen Energieerzeugung in Thüringen steigern. Zum anderen kann man die Menschen in Thüringen anhalten, sich energie- und ressourcenschonender zu verhalten. Beide Punkte wurden auf dem Podium ausgiebig diskutiert.
Ein Vorteil des Ausbaus der regenerativen Energiewirtschaft sei, dass Arbeitsplätze in Thüringen erhalten bleiben, erklärte Frank Weber, da es sich bei den Produkten in diesem Sektor um Produkte mit einer hohen Wertschöpfung handele. Weniger technologie- und herstellungsintensive Fertigungen würden immer mehr in günstigere Standorte verlagert. Die Umwelttechnologien bieten dahingegen ein großes Zukunftspotential für deutsche und auch thüringische Firmen. Durch den Ausbau der Energieversorgung würden auch regionale Wertschöpfungsketten entstehen, ergänzte Ralf Päsler. Handwerker könnten von der Installation einer regional hergestellten Photovoltaikanlage profitieren. Bei der Photovoltaik besitze Thüringen bereits eines der größten Technologiecluster in Deutschland. Allerdings kommen die Anlagen bisher noch nicht auf den Thüringer Dächern an.
Das liege an einer Logik der Bürger, die Weber so zusammenfasst: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Wenn man auf einem Podium den Ausbau der Windenergie fordere, dann bekomme man großen Applaus. Aber wenn man ein konkretes Projekt angehen wolle, bekomme man eine Bürgerinitiative dagegen. Niemand wolle Windräder in seiner eigenen direkten Umgebung. Es werde dann immer mit Ästhetik argumentiert, ergänzt Michael Welz, obwohl so etwas beispielsweise bei Autobahnen oder Hochspannungsleitungen nie eine Rolle gespielt habe. Der Widerstand der Bevölkerung könne auch daher kommen, dass sich die Menschen ihrer Prioritäten gar nicht bewusst seien, fügt Gude hinzu. Wenn sie einmal in eine Diskussion darüber eintreten, wie sie in ihrer Kommune leben wollen, könnten solche Projekte leichter verwirklicht werden. Das Manko vieler Projekte sei, dass ein externer Investor an die Kommunen herantrete, statt dass sie selbst ein solches Projekt in genossenschaftlicher Weise initiieren. Vorstellbar sei, dass jede Kommune ihre lokal benötigte Energie selbst erzeugt und Schwankungen durch eine Leitung zu den Nachbarkommunen ausgeglichen werden können.
Die neuen Technologien haben noch nicht die Köpfe der Menschen erreicht, besonders auch, weil die Politiker, die diese nachhaltigen Technologien eigentlich bevorzugen müssten, sich noch nicht genügend dafür einsetzen. Man könne viel mehr erreichen, so Weber – allerdings nicht mit Appellen an die Menschen. Man müsse dies über den Preis regeln. Auch Gude glaubt, dass Energie zu selbstverständlich zur Verfügung steht. Das steht einem energiesparenderen Umgang im Weg. Sein pragmatischer Vorschlag lautet: Überall wo Energie verbraucht wird, wird ein Schlitz eingeführt, in den man immer wieder Geld stecken muss, damit das Haus weiter beheizt wird oder das Auto weiter fährt. Das würde ein stärkeres Problembewusstsein bei den Bürgern schaffen.
Die Frage sei eigentlich, so entgegnete Welz, wer der richtige Adressat der Forderungen einer Verhaltensänderung sei. Wer müsste vorangehen? Die Bürger? Die Politiker? Oder doch die Industrie? Die Bürger für den Energierverbauch zu sensibiliseren, sei wichtig, aber es müsse auch an anderen Stellen umgedacht werden. Beispielsweise bei den öffentlichen Trägern: Unsanierte öffentliche Gebäude „verbraten“ fast mehr Energie als die einzelnen Wohnungen der Bürger. Der Staat, das Land oder die Kommunen könnten also mit gutem Beispiel vorangehen. Oder in der Autoindustrie: Wenn man wirklich ein Elektroauto bauen will, dann müsse man dafür einen ganz anderen Typus des Autos entwickeln. Die deutsche Industrie hänge weiterhin der Vorstellung der Stahlkarosserie nach. In einem Auto, das eine Tonne wiegt, fährt ein Mensch, der nur 80 Kilogramm wiegt. Das sei eine enorme Ressourcenverschwendung.
Bei solchen Projekten müsse man allerdings eher langfristig denken, merkte Weber an. Der Markt für Elektroautos werde sich erst in einigen Jahrzehnten nennenswert entwickelt haben. Auch wenn durch Einsparung von nur einem Prozent der Heizkosten durch bessere Dämmung bundesweit 1 Milliarde Liter Heizöl gespart werden könnten, kann ein solches Ziel nur langfristig erreicht werden. Es wird noch Jahrzehnte dauern, meinte auch Gude, bis bei der Gebäudesanierung und der Wärmedämmung wesentliche Fortschritte gemacht werden können. Uns laufe die Zeit davon, so seine skeptische Einschätzung.
Ein Zuhörer auf dem Podium meinte hingegen, dass man insgesamt nicht so pessimistisch sein solle. Der Anteil der regenerativen Energie am Gesamtstrom habe in den letzten Jahren stärker zugenommen als selbst die positivsten Prognosen prophezeit hätten. Jahrelang wurde die Windenergie belächelt und es änderte sich nichts am Anteil der regenerativen Energien. Erst als jedoch die Politik das Erneuerbare-Energien-Gesetz verabschiedete, explodierte der Anteil nahezu. Per Gesetz lasse sich also einiges erreichen.
Als Fazit kann festgehalten werden: Klimaschonende Techniken müssen von der Industrie entwickelt, vom Staat konsequent gefördert und auch in den eigenen Kommunen umgesetzt werden. Die Bürger müssen mehr von diesen Techniken überzeugt werden und zugleich zum Energiesparen angehalten werden. Man könne vor dem Klimawandel nicht die Augen verschließen, so Welz, er werde uns in der Zukunft auch spürbar erreichen: Entweder über das Klima selbst oder über Klimaflüchtlinge aus anderen Regionen der Welt.
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